Matrix mit den vier Szenarien des ICF Coaching Futures Report 2026: Digital First Human Optional, Global Coaching Commons, Digital Divides, Local Roots Human Touch

Coaching 2036: Vier Szenarien, die unsere Profession jetzt verhandelt

Wer heute Coaching anbietet, arbeitet in einem Markt, den es in dieser Form vor zehn Jahren nicht gab. Digitale Plattformen, KI-gestützte Reflexionstools, unternehmensinterne Coaching-Pools, internationale Anbieter mit standardisierten Paketen: All das war 2016 bestenfalls eine Randerscheinung. Die naheliegende Frage lautet also, wie unser Berufsfeld in weiteren zehn Jahren aussieht.

Die International Coaching Federation hat auf diese Frage eine bemerkenswert ehrliche Antwort gegeben. Der 2026 ICF Coaching Futures Report liefert keine Prognose. Er liefert vier Szenarien. Und genau das macht ihn für die Praxis brauchbar.

Warum Szenarien mehr wert sind als Prognosen

Prognosen erzeugen Scheinsicherheit. Sie schreiben die Gegenwart fort und übersehen dabei regelmäßig die Brüche, auf die es ankommt. Szenariotechnik geht anders vor: Sie identifiziert die Kräfte, die ein Feld verändern, und beschreibt die plausiblen Zukünfte, die sich daraus ergeben.

Der ICF-Report arbeitet mit zwei Unsicherheitsachsen. Erstens: Wie weit dringt Technologie in die Coaching-Praxis vor? Zweitens: Kooperiert die Profession global oder fragmentiert sie entlang nationaler und wirtschaftlicher Grenzen? Aus der Kombination entstehen vier Zukünfte für das Jahr 2036.

Die fünf Treiber des Wandels

Bevor der Report die Szenarien entwickelt, benennt er fünf Kräfte, die den Rahmen setzen:

  1. Zusammenarbeit über Ökosysteme hinweg. Coaching steht nicht mehr allein, sondern im Verbund mit Organisationsentwicklung, HR-Technologie, Gesundheitsversorgung und Bildung.
  2. Verschiebungen in Arbeit und Wirtschaft. Projektbasierte Karrieren, hybride Führung und wirtschaftliche Volatilität verändern, wofür Klient:innen Coaching überhaupt nachfragen.
  3. Technologische Beschleunigung. Skalierbarkeit und neue Zugangswege, verbunden mit der Frage, was maschinell begleitet werden kann und was nicht.
  4. Wachsendes kulturelles Bewusstsein. Was in Wien als gute Coaching-Praxis gilt, ist nicht automatisch in Singapur oder São Paulo anschlussfähig.
  5. Steigende Erwartungen an Standards und Vertrauen. Je größer der Markt, desto dringlicher die Frage, woran Auftraggeber:innen Qualität erkennen.

Die vier Szenarien für 2036

Digital First, Human Optional. Viel Technologie, wenig Kooperation. Coaching skaliert über Plattformen und KI-Assistenten, während geopolitische Spannungen den Zugang ungleich verteilen. Coaches bewegen sich in permanenten ethischen Grauzonen und konkurrieren mit Systemen, die billiger und schneller sind.

Global Coaching Commons. Viel Technologie, viel Kooperation. Technologie ist selbstverständlicher Teil der Praxis, gemeinsame Standards machen Qualität international vergleichbar. Coaches arbeiten hybrid und werden zu Partnern in Entwicklungsprozessen, die weit über die Einzelperson hinausreichen.

Digital Divides. Wenig Technologie, wenig Kooperation. Märkte schotten sich ab, die Skepsis gegenüber digitalen Lösungen bleibt hoch. Coaching bleibt persönlich und lokal, aber Zugang und Wirkung driften regional stark auseinander.

Local Roots, Human Touch. Wenig Technologie, viel Kooperation. Die Sehnsucht nach echter Begegnung setzt sich durch, internationale Zusammenarbeit stärkt lokale und gemeinschaftsbasierte Modelle. Vertrauen und Beziehung sind die harte Währung.

Keines dieser Szenarien ist Wunsch oder Warnung. Jedes ist plausibel. Und in jedem sieht die Antwort auf die Frage, was professionelles Coaching auszeichnet, anders aus.

Was das für den österreichischen Markt bedeutet

Westeuropa stellt rund ein Viertel aller Coaches weltweit, wie die ICF Global Coaching Study 2025 zeigt. Der österreichische Markt ist klein, aber anspruchsvoll, mit einem hohen Anteil an Executive Coaching und einer ausgeprägten Sensibilität für Qualifikation. Drei Punkte halte ich für uns hier für besonders relevant.

Erstens: Die Technologiefrage ist bereits entschieden, nur die Ausgestaltung nicht. Digitale Coaching-Plattformen sind in österreichischen Konzernen angekommen. Die strategische Frage lautet nicht, ob wir mit ihnen arbeiten, sondern an welcher Stelle im Prozess menschliche Begleitung unersetzbar ist und wie wir das belegen.

Zweitens: Vertrauen wird zum Differenzierungsmerkmal, nicht Reichweite. In einem Markt ohne gesetzlich geschützte Berufsbezeichnung ist eine überprüfbare Zertifizierung das einzige verlässliche Signal, das Auftraggeber:innen vor der Buchung haben. Genau dafür stehen die ICF-Credentials ACC, PCC und MCC und der Coach Finder von ICF Austria. Je mehr Anbieter in den Markt drängen, desto mehr Gewicht bekommt dieses Signal.

Drittens: Die Verbandsarbeit verschiebt sich. Ein Berufsverband, der nur Mitgliedschaften verwaltet, wird in keinem der vier Szenarien gebraucht. Gebraucht wird einer, der Standards durchsetzt, wie wir es mit den ICF-Ethikrichtlinien tun, Weiterbildung organisiert und in der Öffentlichkeit erklärt, was Coaching leistet und was es nicht leistet.

Fünf Empfehlungen, die der Report daraus ableitet

Der ICF-Report schließt mit fünf Handlungsrichtungen, die in allen vier Szenarien tragen:

  • Zusammenarbeit und gemeinsames Lernen fördern
  • Systemisches Wohlbefinden in den Blick nehmen
  • Technologie für menschliche Verbindung nutzen statt gegen sie
  • Kulturell anschlussfähige Praktiken entwickeln
  • Verschiedene Wege zu professioneller Exzellenz zulassen

Das klingt zunächst allgemein. Übersetzt in die eigene Praxis wird daraus eine konkrete Übung: Welche meiner heutigen Entscheidungen über Positionierung, Weiterbildung und Tools halten in allen vier Szenarien stand? Alles, was nur in einem funktioniert, ist eine Wette.

Uner Fazit

In meiner Arbeit mit Führungskräften erlebe ich regelmäßig, wie viel Energie in die Suche nach der einen richtigen Zukunftsannahme fließt. Sie ist meistens verschwendet. Robuste Entscheidungen entstehen dort, wo man mehrere Zukünfte nebeneinander hält und prüft, was in allen trägt.

Für unsere Profession heißt das: Die Diskussion über KI im Coaching ist wichtig, aber sie ist nicht die entscheidende. Entscheidend ist, ob es uns gelingt, Qualität überprüfbar zu machen und international anschlussfähig zu bleiben. Der Report formuliert es so: Die Zukunft des Coachings ist nichts, worauf wir warten. Sie ist etwas, das wir gestalten.

Genau das ist die Aufgabe eines Berufsverbands, und genau daran arbeiten wir bei ICF Austria.


Quellen

  • International Coaching Federation (2026). 2026 ICF Coaching Futures Report: Envisioning Coaching’s Next Horizon. icfcoachingfuturesreport.com
  • International Coaching Federation (2026). Four Scenarios from the 2026 ICF Coaching Futures Report.
  • International Coaching Federation (2026). The Drivers of Change Shaping the Future of Coaching.
  • International Coaching Federation (2025). ICF Global Coaching Study 2025, Executive Summary.

Von Dr. Judith Girschik, Vizepräsidentin ICF Austria